20. Juni 2022, Allgemeines, Schule

„Einfach machen“: Der Blick eines Lehrers auf digitalen Unterricht

Klaus Jürgen Spätauf ist studierter Mathematik- und Geografielehrer mit Leidenschaft für digitalen Unterricht. An „seiner“ Mittelschule Feuerbachstraße im 2. Wiener Gemeindebezirk initiierte er bereits vor acht Jahren die Beschaffung von iPads für alle Schüler:innen und Lehrer:innen. Als Apple Learning Specialist hält er nebenbei auch Kurse an pädagogischen Hochschulen und Universitäten: Um zukünftige Pädagog:innen auf die Welt des digitalen Unterrichts vorzubereiten. Wir haben mit ihm über Videos als Aufgabenstellung und den Vorteil von iPads gegenüber Laptops gesprochen.

Klaus Jürgen Spätauf hat den digitalen Unterricht an seiner Schule etabliert. (Foto: Martin Krennbauer)
Warum liegt dir denn persönlich das Thema des digitalen Unterrichts so am Herzen?

Klaus Jürgen Spätauf: Ich zeichne dazu gerne das Bild meiner Kindheitshelden Winnetou und Old Shatterhand. Wenn man sie jetzt auftauen würde, dann wären sie eigentlich überall überfordert – von Selbstbedienungskassen, digitalen Anzeigen im Verkehr, selbstfahrenden Autos oder E-Banking. Wenn man sie aber in eine Schulklasse setzen würde, wäre fast alles so, wie in ihrer Zeit. Das habe ich immer komisch gefunden und mich deshalb auch von Anfang an für mehr digitalen Unterricht eingesetzt. Und digitaler Unterricht beeindruckt mich generell weil er Schüler:innen in ihrer Welt – und das ist ihre Welt, sie wachsen digital auf – abholt. Das Digitale ist Teil unseres Lebens, das muss man nutzen.

Die MS Feuerbachstraße hat auch als eine der ersten Mittelschulen in Österreich bereits 2014 mit iPads unterrichtet. Wie kam das?

Klaus Jürgen Spätauf: Vorweg muss man sagen, dass es an unserer Schule einen Informatik-Schwerpunkt gibt. Das heißt, wir haben darauf generell einen Fokus. Ich war dann für das Projekt – für alle Schüler:innen iPads zu beschaffen – verantwortlich und habe mir angeschaut, wie man das finanzieren und organisieren könnte. Und auch, welche Infrastruktur dafür nötig ist und wie man Kolleg:innen dahingehend weiterschult. Weil sich das aber keine Schule leisten kann, für 400 Schüler:innen iPads zu kaufen, ist es schlussendlich durch die Eltern finanziert worden. Die überwiegende Mehrheit von ihnen hat das absolut begrüßt und unterstützt.

Wenn man Winnetou und Old Shatterhand in eine Schulklasse setzen würde, wäre fast alles so, wie in ihrer Zeit.

Warum habt ihr euch für iPads entschieden und keine Laptops besorgt?

Klaus Jürgen Spätauf: Sie haben einfach sehr viele Vorteile: Sind einfach in der Handhabung und mit ihrem geringen Akku-Verbrauch können sie praktisch an jedem Ort bedient werden. Sie sind damals mit dem Apple-Betriebssystem aber auch mit den Office-Programmen ausgestattet gewesen – das heißt, die Schüler:innen haben sowohl den Apple-Kosmos als auch Microsoft kennengelernt. Und für Lehrer:innen, die noch nicht viel digital unterrichtet haben, war die integrierte und kostenlos Lernplattform iTunesU ein leichter Einstieg. Generell stand bei uns die Bedienbarkeit im Mittelpunkt. Und sie sind nicht so sperrig wie Laptops. Die Schultaschen der Kinder sind auch so schon schwer genug. (lacht)

Foto: Martin Krennbauer
Wie sieht für dich gelungener digitaler Unterricht aus?

Klaus Jürgen Spätauf: Also erstmal finde ich, jede Kollegin und jeder Kollege braucht ein eigenes Gerät. Und dann geht es vorrangig um das Verständnis eines digitalen Unterrichts, das nicht nur von Schule zu Schule, sondern auch von Lehrer:in zu Lehrer:in variiert. Manche Kolleg:innen halten digitalen Unterricht leider noch für reine Textverarbeitung – statt in ein Heft zu schreiben, entsteht der Text dann eben auf einem iPad oder einem Laptop. Oder, dass Schüler:innen einfach nur ihre Hausaufgaben digital abgeben. Aber das sind alles nur kleine Bausteine. In Mathe könnte man beispielsweise eigene Tabellenkalkulation mit Formeln verwenden, um ein Selbstkontrollblatt zu erstellen. Oder für Geografie könnte man Videos drehen und dazu dann auch Aufgaben stellen. Das würde vor allem der aktuellen Generation „TikTok“ gefallen, die lieben Videos sehr und können damit unheimlich viel anfangen. Aber das ist leider noch nicht in den Klassenzimmern Österreichs angekommen.

Der 8-Punkte-Plan für die Digitalisierung der österreichischen Schulen wird seit dem Schuljahr 2021/22 umgesetzt und beinhaltet dabei eine Geräteinitiative. Was hältst du von dieser Initiative des Bundesministeriums?

Klaus Jürgen Spätauf: Prinzipiell halte ich das für ein gutes Konzept. Aber es gibt meiner Meinung nach schon ein paar Mangelerscheinungen: Beispielsweise, dass nicht jede Lehrerin und jeder Lehrer ein Gerät bekommt. Damit könnte man aber beim Lehrpersonal die Motivation fördern, sich selbst mehr mit digitalen Möglichkeiten zu beschäftigen. Und vor allem ist der Bund auch nur für die Bundesschulen zuständig. Das heißt, es gibt Bundesländer, in denen das anders geregelt wird und damit wird es wieder so eine Zuständigkeitssache. Bei solchen Dingen wäre mehr Zentralismus doch ein Vorteil. Die Intention ist aber natürlich richtig – Die nötige Infrastruktur für digitalen Unterricht zu schaffen.

Wie stehst du zu dem neuen Schulfach der „Digitalen Grundbildung“?

Klaus Jürgen Spätauf: An sich halte ich das für eine gute Idee und die richtige Richtung. Die Gefahr ist jetzt aber, dass sich Fachlehrer dafür in ihrem eigenen Unterricht nicht mehr zuständig fühlen. Ich finde also nicht, dass ein einzelnes Fach ausreicht. Einfach weil die Thematik unser ganzes Leben umfasst. Nehmen wir das Beispiel Statistik in der Mathematik. Das ist ein sehr wichtiges Thema, das zu oft viel zu wenig vorkommt: Es ist wirklich bedenklich, wie man mit Statistiken Informationen verbiegen kann, das sieht man viel zu oft in den Medien. Wenn dann die Leute nicht wissen, dass man genauer hinschauen muss, wie die Skalierung auf den Achsen ist, dann kann das schnell dazu führen, dass man Wahlen manipulieren kann. Dafür muss Bewusstsein in der Gesellschaft geschaffen werden. Ich glaube das ist eine Aufgabe der Schule im 21. Jahrhundert. Und das sollte in jedem Gegenstand passieren. Digitale Grundbildung sollte der Punkt sein, wo man das Thema noch spezialisiert und vertieft wird.

Hast du noch Dos and Don‘ts für Lehrer:innen, denen digitaler Unterricht vielleicht noch schwer fällt?

Klaus Jürgen Spätauf: Ganz klar, einfach machen. Sich nicht von irgendeinem Erwartungsdruck einholen lassen. Ja, die Schüler:innen sind Digital Natives. Aber trotzdem muss ihnen der Lehrstoff vermittelt werden, beispielsweise durch digitale Tools wie Videos oder Präsentationen, damit sie ihn verstehen und hinterfragen können und nicht nur auswendig lernen. Denn wir dürfen nicht vergessen: Wissen hat mittlerweile jeder in der Hosentasche auf dem Handy. Aber Sachverhalte und Themen richtig zu verstehen, darum geht es. Und was für mich auch dazugehört ist auf Augenhöhe zu kommunizieren. Als Lehrer:in ist Beziehungsarbeit enorm wichtig. Es ist und bleibt ein Beruf mit Menschen – egal ob analog oder digital.

Mit digitaler Hilfe kann man sich auf Themen spezialisieren und sie vertiefen. (Foto: Martin Krennbauer)

Eve hat sich nach der Kommunikationsarbeit in der Salzburger Innovationsszene als Texterin in Wien selbstständig gemacht. Der Funke ist über die Distanz aber nicht erloschen: Nach wie vor schreibt sie am liebsten über innovative Unternehmer:innen und ihre spannenden Ideen. Dafür geht ihr im EdTech Bereich sicherlich nicht so schnell der Stoff aus.

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