Schule, berufliche Aus- und Weiterbildung

Sammel die Nuss! Mit Gamification und Wiederholung zum Lernerfolg

Moment, Moment! Bevor wir hier gleich mehr verraten, müssen wir zuerst eine wichtige Frage klären: Heißt es nun eSquIrrel, eSquirrEl oder doch eSkwÖrl? Das süße Tierchen mit dem buschigen Schwanz führt ja auch auf Deutsch oft zu Verunsicherungen – Eichhörnchen oder doch Oachkatzerl? Michael Maurer, Gründer und CEO der gamifizierten Lern-App beruhigt: „Wir haben schon die witzigsten Aussprachen gehört und für uns ist alles okay. Viel wichtiger ist es, dass man es sich gut merken kann!“ Na, dann können wir uns jetzt der Nuss… ähm, dem Kern des Unternehmens widmen.

Alles dreht sich um die Nuss

Wie im wahren Leben, müssen auch die eSquirrels – also die Lernenden – Nüsse sammeln, um erfolgreich zu sein. „Gamification“ nennt sich dieser spielerische Ansatz, der Nutzer:innen mehr Spaß beim Lernen ermöglicht. Werden alle Fragen einer „Quest“ (also Aufgaben, mehrere Quests bilden ein Kapitel) richtig beantwortet, gibt es eine bronzene Nuss als Belohnung. Einige Tage später kann die Lektion wiederholt werden, um eine Nuss aus Silber zu ergattern. Beim dritten Durchgang gibt es sie bereits in Gold und nach dem vierten Absolvieren derselben Quest erhalten die fleißigen Schüler:innen eine epische Nuss. Dieses mehrmalige Wiederholen hilft dabei, den Stoff langfristig und nachhaltig zu verinnerlichen. Damit die Nüsse in der kalten Jahreszeit für einen ordentlichen Winterspeck sorgen.

Die Lektionen sind ganz unterschiedlich gestaltet – von Multiple Choice, was sich beispielsweise bei Mathematik oft findet, bis hin zu offenen Antwortmöglichkeiten, etwa in Geschichte. Sie entsprechen jedenfalls dem Aufbau des Schulbuches oder des Lernmaterials, auf dem sie basieren. Es handelt sich jedoch nicht um die gleichen Inhalte: eSquirrel-Übungen werden als vertiefendes und zusätzliches Wissen zum jeweiligen Basisstoff komplett neu geschrieben und durch einen Algorithmus gamifiziert. Lehrer:innen stellen mit ihrem Zugang zur Web-Plattform dann entweder Hausaufgaben, Quizzes oder Tests, die von den Schüler:innen via der Smartphone-App, am Tablet oder im Web erledigt werden. Mit einer kleinen Notification werden sie darüber informiert, dass es jetzt wieder ans Nüsse-Sammeln geht. Die Aufgaben werden automatisch korrigiert und die Lehrenden sehen, wer sie wann und wie gut erledigt hat. Mit dem Autor:innen-Tool können sie Inhalte auch neu erstellen, falls ein Buch noch nicht auf der eSquirrel-Plattform vertreten ist. „Oft kommen Lehrer:innen auf uns zu und erzählen uns von Kursen, die sie gerade erstellt haben und gerne bei uns veröffentlichen würden, damit jeder Zugang dazu hat“, sagt Michael. Das Team kümmert sich in solchen Fällen noch um die redaktionelle Überarbeitung und falls nötig, um die Zustimmung der jeweiligen Verlage.

Lernen mit der eSquirrel-App. (Foto: eSquirrel)

Der Hörnchen-Sticker klebt gut

Apropos Verlage – die meisten österreichischen Schulbuchverlage sind bereits Geschäftspartner. Ihre Bücher, die mit einem eSquirrel-Kurs begleitet werden, sind mit einem Eichhörnchen-Icon versehen. Die Akquise lohnt sich für das Unternehmen, denn die Bücher, auf denen dann eSquirrel eingedruckt ist, bleiben langfristig im Schulalltag erhalten. Manche Verlage, die keine Kapazitäten haben, neue Inhalte dafür zu schreiben, bedient eSquirrel übrigens einfach selbst: „Wir haben einen Pool aus 90 geprüften Autor:innen, die meisten davon sind Lehrer:innen oder haben bereits Schulbücher geschrieben. Wer dann die entsprechende Fachqualifikation mitbringt und auch  Zeit hat, bekommt  den Auftrag einen neuen Kurs zu schreiben.“ Bezahlt werden die freien Schreiber:innen auf Basis von Tantiemen.

Aber zurück zu den emsig Lernenden – Wie kommen sie mit der App zurecht? „Sehr gut!“, sagt Michael und deutet auf das hohe Ranking in den App-Stores hin. Das führt er darauf zurück, dass er und sein Co-Founder Simon Strassl sich vor allem in der ersten Phase der Gründung im Jahr 2015 intensiv auf die Bedürfnisse der Lernenden konzentriert haben. Ein wichtiges Element war dabei beispielsweise, dass die Kurse offline verfügbar sind, wenn sie einmal heruntergeladen wurden. „Mit unserem technischen Background der TU Wien war unser absoluter Fokus die Nutzer:innenfreundlichkeit.“ Wirft man einen Blick auf die Zahlen, scheint ihnen das geglückt zu sein: eSquirrel nutzen mittlerweile zwischen 10.000 und 15.000 Lehrer:innen und rund 70.000 Schüler:innen an 2.000 Schulen.

Die vielen bunten Eichhörnchen

Hierzulande sieht man meistens die roten, aber auch vermehrt braune Nager über Äste springen. Es gibt sie noch dazu in schwarz und grau und sogar gefleckte Varianten wurden schon gesichtet. Genauso vielseitig sind die Nutzer:innen von eSquirrel: Von Schulen, Klassen, Einzelpersonen bis hin zu Firmen. Demnach gibt es verschiedene Angebote, die Lernplattform zu nutzen. So werden im Bildungssektor die Übungsmaterialien entweder über die Schulbuchaktion oder als Schul-, oder Klassenlizenz beantragt. Kosten fallen dabei nur für die Verwendung der redaktionell geprüften Inhalte an. Die Nutzung der Plattform mit selbst geschriebenen eSquirrel-Aufgaben ist komplett kostenlos. Um alle geprüften Inhalte zu nutzen, kann beispielsweise eine Schullizenz um 15 Euro pro App-User:in und Schuljahr ab 30 Schüler:innen erworben und auch direkt über die Schulbuchaktion bezahlt werden. Für Lehrende fallen keine Kosten an. Aber auch Einzelpersonen können sich auf eSquirrel Übungsmaterialien kaufen. Die Preise liegen je nach Thema und Umfang zwischen 2,50 und 40 Euro. Am oberen Ende der Preisspanne liegt beispielsweise ein Kurs zur Maturavorbereitung oder für Innere Medizin. Lernstoff gibt es aber bereits ab der Volksschule bis hin zum Studium.

Das eSquirrel-Team. (Foto: eSquirrel)

Die Nüsse sind auf anderen Bäumen größer

Trotz des Erfolgs im heimischen Bildungsbereich erspäht Michael bei den Unternehmen einen noch größeren Nussbaum. Dort gibt es vor allem die Möglichkeit der Skalierung – die Chance auf Wachstum. Die Akquise läuft bei dieser Zielgruppe reibungsloser, weil es sich einfacher aufzeigen lässt, wie viel sich Firmen im Bereich Weiterbildung und Onboarding mit der Verwendung der Web-Plattform und der App sparen (wie viele Nüsse sie hier horten) können. Deshalb gibt es für Firmenkunden eine eigene White-Label-Lösung, die auf die Marke der Kund:innen abgestimmt ist, demnach eine gebrandete Version im Stil der jeweiligen Corporate Identity. Bei einem Bäcker sammeln neue Mitarbeiter:innen dann zum Beispiel Kipferl statt Nüsse. Das Bezahlungsmodell ist ähnlich wie bei den Schulen – die Kosten werden basierend auf der Anzahl der Nutzer:innen jährlich berechnet.

Wie viel Gewichtung dieser enorme Geschäftsbereich für die eSquirrels hat, zeigt die eigens dafür angelegte Website. „Das ist quasi unser B-Hörnchen“, so Michael. Gerade bei der Internationalisierung, die sie vor einem halben Jahr unter anderem im skandinavischen Raum begonnen haben, sieht er den Weg zum Erfolg über Unternehmenskunden. „Alleine schon, weil genauso wie hier, im Ausland der Bildungssektor stark reglementiert ist. Da muss man nur nach Deutschland schauen, wo jedes Bundesland seine eigenen Vorschriften und Rahmenbedingungen in den Schulen hat“, sagt Michael.

Wir können somit aber zumindest weiterhin hoffen, dass auch unsere deutschen Nachbarn bald lernen, wie man „Oachkatzerlschwoaf“ richtig ausspricht.

Michael Maurer, Gründer von eSquirrel (Foto: Michael Maurer)

Nachgefragt bei Michael Maurer:

Wie hat sich bei euch die Covid-Pandemie bemerkbar gemacht?

Wir hatten Glück, das hat uns eigentlich am richtigen Fuß erwischt. Dadurch, dass unsere Lernplattform und App schon vorher in den Schulen bekannt war, haben wir eine gute Potentialanalyse machen können. Nach den ersten drei Tagen nach den Schulschließungen letztes Jahr hatten wir so viele neue Nutzer:innen, wie im ganzen Herbst davor. Also in drei Tagen so viel wie in drei Monaten. Das ist schon eine Nummer. Covid hat uns also einen riesigen Aufschwung gebracht und uns in die Hände gespielt. Obwohl es sich finanziell nicht stark ausgewirkt hat, weil wir viel kostenlos zur Verfügung gestellt haben, war es definitiv für die Weiterverwendung und den Bekanntheitsgrad eine enorm anstrengende, aber auch erfolgreiche Zeit für uns.

Ihr nehmt an internationalen Accelerator-Programmen teil – Warum ist euch das so wichtig?

Genau, wir haben gerade vor einigen Wochen an einem Hyper-Accelerator in New York virtuell teilgenommen. Das war ziemlich anstrengend mit den verschiedenen Zeitzonen und unserem normalen Arbeitsalltag nebenbei. Aber so etwas ist gerade jetzt wichtig für uns, weil wir in der Phase der Internationalisierung stecken. Bei diesen Programmen wird man nicht nur gecoacht, sondern knüpft tatsächlich viele neue Kontakte. Für uns war bei dem in New York auch spannend, ob wir zu US-amerikanischen Verlagen und Unternehmen finden. Das hat geklappt und wir arbeiten in den nächsten Wochen die Liste ab. In den USA funktioniert diese „Introduction“ recht gut, dass man neuen Leuten vorgestellt wird, wenn man darum bittet. Von September bis August 2022 nehmen wir an einem Accelerator im Silicon Valley teil, drei Monate werden wir dann vor Ort sein. Und ganz frisch haben wir gerade die Information erhalten, dass wir für GO SEOUL ausgewählt wurden und heuer noch im Herbst nach Südkorea fahren.

Das heißt, eure Zukunft siehst du im Ausland?

Ja, auf jeden Fall. Aus Österreich herauszuwachsen ist derzeit unser größtes Ziel. In diesem Mikrokosmos haben wir ausprobiert, ob unser Produkt funktioniert. Jetzt heißt es: „Think Big!“. Wir haben schon Kontakte zu Verlagen in Norwegen, Finnland, Spanien, Frankreich und eben aus den USA und stehen kurz vor den ersten Abschlüssen. Eine aufregende Zeit für uns!

Eve hat sich nach der Kommunikationsarbeit in der Salzburger Innovationsszene als Texterin in Wien selbstständig gemacht. Der Funke ist über die Distanz aber nicht erloschen: Nach wie vor schreibt sie am liebsten über innovative Unternehmer:innen und ihre spannenden Ideen. Dafür geht ihr im EdTech Bereich sicherlich nicht so schnell der Stoff aus.

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