Digital heißt nicht automatisch barrierefrei
In einer zunehmend digitalen Welt vergisst man oft, dass sie nicht für alle zugänglich ist. Viele Menschen mit Behinderungen werden ausgeschlossen, wenn Anwendungen nicht für unterschiedliche Bedürfnisse geeignet sind. Genau hier setzt die Independo GmbH an. Das 2023 gegründete Unternehmen entwickelt Symbol-basierte Apps für Menschen, die Unterstützte Kommunikation (UK) nutzen – mit dem Ziel, Selbstständigkeit, Teilhabe und echte digitale Inklusion im Alltag zu ermöglichen.

Dem Team um die Gründer:innen Julia Kruselburger, Konstantin Strümpf, Michael Höchtl und Daniel Harringer geht es um echte Unabhängigkeit und darum, den digitalen Raum auch für jene zugänglich zu machen, die in Bildern lesen oder visuelle Unterstützung benötigen. Ihre Zielgruppe sind Menschen, denen UK hilft, besser zu kommunizieren oder ihren Alltag zu strukturieren.
Inklusion durch Orientierung und Austausch
Die Apps übersetzen Text in Piktogramme, lassen sich individuell (etwa nach Farben, Zeitdarstellungen oder Sprachausgaben) anpassen und richten sich grundsätzlich an alle Altersgruppen. Herzstück des Angebots ist aktuell der Independo Kalender. Er ist als iOS‑App, Android‑App und Browser-Version verfügbar und stellt Termine nicht primär über Text, sondern über Symbole oder eigene Fotos dar. So wird sichtbar, was stattfindet, wann und mit wem. Nutzer:innen erinnern sich meistens besser daran und der Alltag wird übersichtlicher.
Außerdem können vergangene Ereignisse mit Emojis bewertet sowie durch Fotos, Videos, Audioaufnahmen oder kurze Texte ergänzt werden. Dadurch entsteht eine persönliche Dokumentation des Alltags. Viele verwenden den Kalender auch gemeinsam mit ihrem Umfeld: Durch die einfache Synchronisation mit gängigen Anwendungen wie Google Calendar, und zukünftig auch Microsoft Outlook oder iCal sowie die Übersetzung im Hintergrund – von Symbolen zu Text und umgekehrt – kann jede Person jene Darstellungsform wählen, die für sie am besten funktioniert.
Bilder sagen mehr als tausend Worte
Visuelle Unterstützung ist deshalb so wirkungsvoll, weil Menschen Informationen unterschiedlich verarbeiten. Wer zum Beispiel das Wort „Apfel“ nicht kennt, kann sich meist mehr darunter vorstellen, wenn die Frucht aufgezeichnet wird. Zum Einsatz kommen bei Independo dabei unter anderem die METACOM‑Symbole – ein System mit über 17.000 klaren, einfachen Piktogrammen. „Sie wurden von der deutschen Grafikerin Annette Kitzinger ursprünglich für ihre Tochter entwickelt. Heute sind sie aus der UK‑Welt nicht mehr wegzudenken“, sagt Julia.

Gerade in inklusiven Schulklassen, Tagesstrukturen oder Werkstätten ist die Kalender-App besonders hilfreich, weil so alle Beteiligten mit demselben System arbeiten können – unabhängig von ihren Lese- und Schreibfähigkeiten.
Tagebuch in der Pilotphase
Seit Kurzem ergänzt das Independo Tagebuch das Angebot des jungen Unternehmens. Die neue App soll es Menschen mit Behinderungen ermöglichen, ihre Teilhabe- und Entwicklungsziele, Aktivitäten und Fortschritte selbst zu dokumentieren. Einträge können festhalten, was gemacht wurde und was an dem Tag besonders war; Aktivitäten lassen sich noch dazu direkt mit Zielen verknüpfen, sodass sichtbar wird, woran gearbeitet wurde. Über ein Dokumentationsportal behalten Betreuungspersonen den Überblick, und es entsteht eine gemeinsame Gesprächsbasis auf Augenhöhe. Aktuell läuft die erste Pilotphase, für die bereits alle Plätze vergeben wurden.
Barrierefreiheit bringt große Chancen
Neben der Produktentwicklung bietet Independo auch Beratungen an und unterstützt Institutionen dabei, inklusive Software und digitale Lösungen zu entwickeln. In Workshops vermittelt das Team Wissen zu Co‑Design und Barrierefreiheit und zeigt, wie Inklusion von Anfang an mitgedacht werden kann.
Generell sieht Julia bei all diesen Themen großen Aufholbedarf: „Barrierefreiheit wird von vielen Unternehmen und Entwickler:innen nach wie vor als Belastung wahrgenommen – als zu teuer, zu aufwendig, zu mühsam.“ Dabei sei sie nicht nur eine soziale Verantwortung für alle, die die Technologien von morgen bauen, sondern auch eine klare wirtschaftliche Chance. Denn wer barrierefrei denkt, kann sich breiter aufstellen und damit auch mehr Menschen erreichen.

Kurzinterview mit Julia Kruselburger
Wie bist du selbst zu dem Thema Barrierefreiheit und Inklusion gekommen?
Ich bin schon mit sechs Jahren damit in Berührung gekommen, als ich in inklusiven Sommercamps war. Daran haben Kinder mit und ohne Behinderungen teilgenommen. Das Thema hat mich seitdem immer wieder begleitet, sowohl in Projekten, die ich selbst organisiert habe, als auch an der Universität.
Wie seht ihr bei Independo das Thema KI und individualisiertes Lernen?
Wir nutzen künstliche Intelligenz bereits in unseren Produkten und haben aktuell auch ein großes Forschungsprojekt gemeinsam mit Institutionen für Menschen mit Behinderungen, wie dem Österreichischen Behindertenrat, laufen. Dabei beschäftigen wir uns mit der Frage, wie wir KI einsetzen können, um noch mehr Möglichkeiten für Nutzer:innen der Unterstützten Kommunikation (UK) zu schaffen. Generell würde ich zu KI sagen: „Ja – aber“. Ich denke schon, dass sie viele neue Möglichkeiten eröffnet, allerdings nur dann, wenn wir Artifical Intelligence mit Emotional Intelligence koppeln und sie ethisch verantwortlich und gut durchdacht eingesetzt wird.
Wird es Erweiterungen zur Kalender-App geben?
Die Kalender-App ist nur der erste Schritt. Unser großes Ziel ist es, dass jede App, die am Smartphone verfügbar ist, auch mit UK zur Verfügung steht. Denn nur, wenn Menschen die gleichen Möglichkeiten haben, können Inklusion und Selbstwirksamkeit gelingen.
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