13. Juli 2026, Allgemeines

„Der Digitale Backlash ist eine Phase der Ernüchterung“

Digitaler Backlash – zwei Wörter mit weitreichender Bedeutung für die gesamte EdTech-Branche. Muss man sich jetzt Sorgen machen, dass digitale Technologien bald aus den Schulen verbannt werden? Und wer profitiert eigentlich von der Debatte und der pauschalen Ablehnung digitaler Tools im Unterricht? Wir haben mit Jannie Jeppesen, Vorständin der European EdTech Alliance und CEO der Swedish EdTech Industry gesprochen. Sie ist weder Fan von Schwarz-Weiß-Denken noch davon, die Dinge zu beschönigen.

Porträtfoto Jannie Jeppesen
Jannie Jeppesen, Foto: privat

Was ist für dich die Bedeutung des „Digital Backlash“ im Bildungswesen?

Der digitale Backlash ist eine Phase der Ernüchterung, die durch mehrere Faktoren angetrieben wird: Den „COVID-Schock“, der eine Reaktion auf den qualitativ schlechteren Notfall-Fernunterricht während der Pandemie war. Dann durch die Angst vor algorithmischen Medien – darunter fallen besonders die berechtigten Bedenken hinsichtlich der konstanten Ablenkung und invasiven Natur moderner sozialer Medien. Und Politiker:innen nutzen wiederum diese Ängste, um Schwarz-Weiß-Narrative zu schaffen und setzen dabei oft bewusst Bildungs-Tools wie Mathe-Apps oder ähnliches mit tatsächlich süchtig machenden Medien gleich.

Welche Lektionen siehts du in Schweden als “Vorreiterrolle” für andere Länder?

In Schweden gibt es – trotz weit verbreiteter Meinungen, die behaupten, schwedische Schulen seien rein digital – die „80/20-Regel“. Denn Fakt ist, dass der Markt für Lernmaterialien über Jahrzehnte hinweg konstant bei 80 Prozent Print und 20 Prozent Digital bleibt. Digitalisierung sollte eben abhängig vom Kontext sein – das beste Werkzeug für ein bestimmtes Lernziel verwendet werden, anstatt digitale Tools um ihrer selbst willen einzusetzen.

Welche berechtigte Kritik gibt es beim Digitalen Backlash bzw. wo beginnt eine pauschale Ablehnung?

Berechtigt ist die Kritik, beim Hinterfragen der Wirksamkeit und des Wertbeitrags digitaler Werkzeuge. Es geht auch um eine Anerkennung, dass Papier oft besser für vertieftes Lesen geeignet ist und wir sollten erkennen, dass technologischer Überoptimismus naiv sein kann. Eine pauschale Ablehnung sehe ich dann, wenn politische Akteur:innen behaupten, alles Digitale sei schlecht, oder versuchen, digitale Kompetenzen und KI-Literalität vollständig aus nationalen Bildungsstrategien zu verbannen.

Welche Auswirkungen hat das Thema auf Startup-Strategien und Produktentwicklungen?

Der Backlash führt dazu, dass die Kund:innengruppen – Lehrer:innen, Schulleiter:innen und Kommunen – kritischer und anspruchsvoller werden. Startups oder Entrepreneur:innen müssen also den Fokus von reinen Marketing-Konzepten wie Traction und Stickiness (Anm.: Marktnachfrage und Kund:innen-Bindung) auf evidenzbasierte Ergebnisse verlagern. Außerdem sollten sie transparent über ihre theoretischen Forschungsrahmen und Designprinzipien informieren. Und aufzeigen, wie ihre Produkte die Lehrerverwaltung entlasten oder spezifische Lernhürden lösen.

Was sind in der Debatte die dominierende Narrative und wer sind ihre Gestalter:innen?

Die Debatte wird derzeit von angstbasierten Narrativen bezüglich der Bildschirmzeit und den negativen Auswirkungen sozialer Medien dominiert. Sie werden am stärksten von Politiker:innen geprägt, die die „Bildschirmzeit-Debatte“ nutzen, um konservative Bildungsreformen voranzutreiben.

Was heißt das für die Branche?

Politische Entscheidungen, die auf Stimmungslagen basieren, können zu einem Mangel an Guidelines und Richtlinien führen, wodurch Lehrer:innen und Schüler:innen bei der Nutzung komplexer Technologien wie KI allein gelassen werden. Zudem könnte ein Verbot von digitalen Technologien in Schulen die sozioökonomische Kluft weiter vergrößern – wenn nur Kinder mit Eltern, die selbst ein hohes Verständnis davon haben, lernen, Werkzeuge wie KI achtsam und sinnvoll zu nutzen.

Gibt es auch Versäumnisse von EdTech-Anbieter:innen?

Durchaus. Mangelhafte Implementierung beispielsweise hat zum Backlash beigetragen. Etwa wenn Tools so eingesetzt werden, dass sie den Lernprozess stören oder mindern. Außerdem ist es wie überall – auch in der EdTech Branche gibt es die ein oder anderen Akteur:innen, die minderwertige Produkte anbieten und damit ein negatives Licht auf den gesamten Sektor werfen.

Was können Startups und Unternehmer:innen tun – in die Anpassung oder den Widerstand gehen?

Ich empfehle Professionalität und Anpassung, keinen aggressiven Widerstand. Startups sollten sich spezialisieren und Nischen finden – in einer Sache außergewöhnlich gut sein, anstatt zu versuchen, alles abzudecken. Und verstehen, dass sie ein Teil einer breiten Palette von Werkzeugen sind, zu der auch gedruckte Bücher und Stifte gehören. Sie sollten auch erklären können, wie ihr Tool natürlich zur Art und Weise passt, wie Menschen lernen.

Ist der aktuelle Backlash eher ein Korrektiv, das die Branche langfristig stärkt – oder eine strukturelle Gefahr für Innovation im Bildungsbereich in Europa?

Es kann beides sein, denn es ist eben auch ein gesundes Korrektiv, wenn es die Branche dazu zwingt, sich auf Qualität und Evidenz zu konzentrieren. Es wird jedoch zu einer strukturellen Bedrohung, wenn die Debatte unausgewogen und undifferenziert bleibt und zu einer Politik führt, die so tut, als existiere die digitale Welt nicht, wodurch Kinder nicht angemessen auf die Zukunft vorbereitet werden.

Jetzt weiterlesen: Wie Christian Orgler, CEO der österreichischen Kindersicherungs-App Ohana, die Debatte sieht, liest du gleich hier.

Eve hat sich nach der Kommunikationsarbeit in der Salzburger Innovationsszene als Texterin in Wien selbstständig gemacht. Der Funke ist über die Distanz aber nicht erloschen: Nach wie vor schreibt sie am liebsten über innovative Unternehmer:innen und ihre spannenden Ideen. Dafür geht ihr im EdTech Bereich sicherlich nicht so schnell der Stoff aus.

Weitere Beiträge

Folgende Beiträge könnten Sie auch interessieren.

Porträtfoto Christian Orgler, CEO Ohana
Christian Orgler, Foto: Jakob Lehner

Digital Backlash: “Zu viele Produkte halten ihre Versprechen nicht”

13. Juli 2026

Artikel lesen
Foto: Innovation Salzburg/Benedikt Schemmer

Digitale Roadshow: Marktplatz Lernapps

22. Juni 2026

Artikel lesen
SURFjobs, Foto: Innovation Salzburg/Benedikt Schemmer

SURFjobs bringt Berufsorientierung im Kurzvideo-Format

3. April 2026

Artikel lesen
Foto: Samuel Kuro

Digital heißt nicht automatisch barrierefrei

10. Februar 2026

Artikel lesen
Foto: Innovation Salzburg/Benedikt Schemmer

GenAIedTech: Von Mensch zu Maschine

18. Dezember 2025

Artikel lesen