Digital Backlash: “Zu viele Produkte halten ihre Versprechen nicht”
Kinder und digitale Medien. Ein Thema, das politisch die Wogen hochgehen lässt und Eltern verunsichert. Denn die stellen sich ganz grundlegende Fragen: Was schaut mein Kind an? Wie lange? Und mit wem? Das oberösterreichische EdTech-Unternehmen Ohana ist Mitglied in unserem Netzwerk und hat genau darauf eine technische Antwort entwickelt — eine KI-gestützte Kinderschutz-App, die Eltern Kontrolle zurückgibt, ohne Verbote zu erteilen. Wir haben mit Gründer und CEO Christian Orgler über den Digital Backlash gesprochen — einen Trend, der die Tech-Welt derzeit in Atem hält.

Was bedeutet Digital Backlash konkret für dich und für Ohana?
Für Ohana ist das weniger ein Gegentrend als eine Bestätigung dessen, woran wir seit Beginn arbeiten: Familien dabei zu unterstützen, digitale Medien bewusster, sicherer und gesünder zu nutzen. Wenn Qualität wichtiger wird als reine digitale Produkte ohne Mehrwert, begrüßen wir das natürlich. Heute stellen Eltern, Schulen und politische Entscheidungsträger:innen endlich die richtigen Fragen.
Wo siehst du eine legitime Kritik an Lernlösungen und wo blockiert pauschale Ablehnung Innovation?
Problematisch wird es, wenn digitale Lösungen pauschal als schädlich dargestellt werden. Die entscheidende Frage sollte nicht sein, ob etwas digital oder analog ist, sondern ob es Kindern konkret hilft. Personalisierte Lernangebote können Chancen schaffen, die klassische Methoden allein oft nicht bieten. Das darf in der Debatte nicht untergehen. Legitime Kritik sehe ich klar dort, wo Produkte Engagement über Wohlbefinden stellen. Wo Lernlösungen mit Gamification-Mechanismen arbeiten, die aus der Unterhaltungsindustrie stammen und primär Nutzungszeit maximieren. Oder wo einfach niemand ernsthaft weiß, ob es etwas bringt.
Verändert der Backlash deiner Meinung auch was gegründet wird – und was verändert er bei euch?
Ich glaube schon. Ich sehe immer mehr Produkte, die den „Backlash“ unterstützen wollen, zum Beispiel Boxen, um das Handy wegzusperren oder ähnliches. Für uns bestätigt das den bisherigen Weg, aber er zwingt uns auch zur Klarheit. Wir entwickeln keine Features, damit Eltern möglichst viel kontrollieren können, sondern damit sie informierte Entscheidungen treffen und echte Gespräche mit ihren Kindern führen.
Wie können EdTech-Unternehmer:innen zur Versachlichung beitragen, ohne defensiv zu werden?
Indem sie transparent bleiben und Technologie nicht als Allheilmittel verkaufen. Nutzer:innen merken sehr schnell, wenn Marketingversprechen größer sind als der tatsächliche Nutzen. Wir sollten offen darüber sprechen, wo digitale Lösungen helfen und wo ihre Grenzen liegen. Eine Kombination wird es werden.
Werden politische Entscheidungen gerade mehr von Stimmungen als von Evidenz getroffen?
Auf der einen Seite wird gerade viel angekündigt, das sich auch auf Evidenz stützt. Social Media für unter 14-Jährige ist einfach nicht gut. Ich verfolge alle Länder, in denen es schon Social-Media-Verbote gibt und schaue mir auch ihre Schwächen an. Vieles wird nämlich mit dem Vorbehalt angekündigt, dass es technisch noch zu klären sei. Das wird meiner Meinung nach leider auch der Knackpunkt sein, den die Politik meist auf die lange Bank schiebt. Wir sind jedenfalls gerne gesprächsbereit und haben dazu auch ein paar Ideen!
Gibt es Versäumnisse seitens der EdTech-Anbieter:innen, die den Backlash begünstigt haben?
Ja, zu viele Produkte wurden mit pädagogischen Versprechen gelauncht, ohne dass ernsthaft gemessen wurde, ob diese auch tatsächlich halten. Und UX-Entscheidungen (Anm.: UX steht für User Experience, Nutzungserlebnis) haben Nutzungszeit zu oft mit Lernerfolg gleichgesetzt, das ist ein grundlegender Denkfehler. Das rächt sich jetzt. Vertrauen entsteht nicht durch Schweigen über Probleme, sondern durch den Umgang damit.
Anpassung oder Gegensteuern – was empfiehlst du EdTech-Startups?
Weder noch. Startups sollten nicht jedem Trend hinterherlaufen, aber berechtigte Kritik ernst nehmen. Wer heute erfolgreiche Produkte entwickeln möchte, muss zeigen können, warum ihre digitale Lösung besser ist als eine analoge Alternative. Ich sehe das als echte Chance zur Differenzierung. Am Ende gewinnt trotzdem das bessere Produkt, das im EdTech-Bereich vor allem jemandem etwas lernt.
Ist der aktuelle Backlash eher ein Korrektiv, das die Branche langfristig stärkt, oder doch eine strukturelle Gefahr für Innovation im Bildungsbereich in Europa?
Ich sehe es mehr als Korrektiv. Jede Technologie durchläuft Phasen großer Erwartungen und anschließender Ernüchterung. Entscheidend ist, was daraus entsteht. Wenn der Backlash dazu führt, dass wir verantwortungsvollere und wirksamere Produkte entwickeln, profitiert die Branche langfristig. Problematisch wäre nur, wenn aus berechtigter Kritik eine grundsätzliche Ablehnung wird. Europa braucht Innovation, aber Innovation mit Verantwortung. Das ist genau der Anspruch, mit dem wir Ohana gebaut haben.
Jetzt weiterlesen: Mehr zum Thema Digitaler Backlash kannst du im Interview mit Jannie Jeppesen von der Swedish EdTech Industry und der European EdTech Alliance lesen.
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